In Zusammenarbeit mit einigen Jugendlichen haben wir in den letzten Monaten unser "Alkohol-ABC" durchgeführt. Dabei wurden Pädagogen, Psychologen und Ärzte interviewt, die allesamt beim Verein HANDS beschäftigt sind und sich in ihrer Arbeit täglich mit dem Thema Alkohol beschäftigen. Mit viel Engagement und Einsatz konnten die Jugendlichen so Buchstabe für Buchstabe abarbeiten. Selbstverständlich konnten die Jugendlichen auch selbst Fragen zum Thema Alkohol und Alkoholabhängigkeit stellen; der psychoedukative Aspekt stand hierbei besonders im Vordergrund. Wir bedanken uns bei allen die teilgenommen haben.
Dieses Projekt wurde in beiden Landessprachen mit unseren Jugendlichen durchgeführt. Das bedeutet, dass ein Buchstabe entweder auf der italienischen oder deutschen Internetseite (einfach oben Sprache wählen) erklärt wird. Die Veröffentlichung hier beginnt mit einem zufällig ausgewählten Buchstaben; Zeit für Zeit (zirka im Wochenrythmus) wird jeweils ein weiterer Buchstabe hinzugefügt; bis das "Alkohol- Alphabet" vollständig ist.
L wie Lesch
"Die Einteilung „nach Lesch“ wurde von Dr. Otto Lesch konzipiert und beschrieben. Otto Lesch leitete die Alkoholambulanz in Wien. Es hat vor Lesch schon verschiedene Einteilungen gegeben. Man hat aber herausgefunden, dass sich Menschen die Alkohol konsumieren, sich nicht immer ´gleichen´, das Einzige was sie gemeinsam haben ist, dass sie Alkohol konsumieren. Aber ansonsten sind sie grundverscheiden. In der Medizin ist es demnach wichtig diese Menschen einzuteilen und Lesch hat sie so in 4 Gruppen unterteilt."
Gruppe 1 "ist so der klassische Alkoholiker, der sogenannten ´Spiegeltrinker´. Zu beobachten war, dass besonders bei dieser Gruppe die Entzugserscheinungen sehr stark auftreten können, weil der Körper über viele Jahre sehr hohe Mengen von Alkohol gewöhnt ist. Dieser Alkohol fehlt aber nun plötzlich. Deswegen brauchen Suchtkranke im Lesch 1 dringend ärztliche Begleitung beim Entzug."
Gruppe 2 nach Lesch "ist die Gruppe die den Alkohol sozusagen als Medikament verwenden. Sie trinken bei Angstzuständen oder bei immer wiederkehrenden Sorgen. Wie man weiß, macht der Alkohol ja mutiger und erhöht die Risikobereitschaft usw. Das Ziel bei den Gesprächen mit den Klienten muss sein, dass man die Ängste reduziert. Mit der Reduktion der Ängste, kann auch der Alkoholkonsum sinken."
Gruppe 3 nach Lesch "ist eine größere bzw vielfältigere Gruppe, da fallen z.B. die Depressionen, bipolare Störung etc. hinein. Auch hier liegt das Augenmerk primär auf die psychische Störung und nicht auf den Alkoholkonsum, denn wenn z.B. die Depression gut in den Griff zu bekommen ist, wird der Alkohol tendenziell weniger. Die Konzentration liegt hier ebenso auf das Wohlbefinden des Klienten, ähnlich wie in Gruppe 2."
Gruppe Lesch 4 "ist eine Gruppe von suchtkranken Menschen die z.B. organische Veränderungen haben. Zum Beispiel ein Hirntrauma hatten oder eine beispielweise auch eine Frühgeburt waren, aber ebenso Psychosen, Schizophrenie u.a. können hierbei eine Rolle spielen. Diese Menschen benutzen den Alkohol damit sie in Kontakt zu anderen Menschen treten können und sozial anerkannt werden, aber auch um sich besser zu fühlen; psychisch und auch körperlich. In dem Fall ist es wichtig, diese Menschen zu begleiten und immer wieder die Hilfe anzubieten, wann diese sie benötigen.
In der Praxis sehen wir oft Vermischungen bzw. Mischformen dieser Gruppen, wie z.B. Gruppe 2 und 3 oder Gruppe 3 und 4. Wichtig ist, dass man die Menschen nicht etikettiert und die Suchtkranken menschlich behandelt und nicht rein nach Kriterien geht.
(Walter Tomsu ist Arzt und Psychotherapeut im Ambulatorium Hands. Er ist der klinischen Leiter des Ambulatoriums. Der Arzt war vorher lange Zeit in Wien in der Drogenambulanz und als Primararzt in einer Einrichtung für Drogensüchtige tätig. Im Jahr 2000 zog es den Arzt nach Italien, zuerst nach Mittelitalien (Hauptgebiet: HIV/Aids) und dann nach Südtirol in das Ambulatorium Hands. Neben der medizinischen und therapeutischen Beratung und Behandlung liegt das Aufgabengebiet auch in der Psychosomatik und Familientherapie.)
Y wie YoungHands
"YoungHands ist ein Projekt im Ambulatorium und wurde 2019 ins Leben gerufen. Im 4. Stock arbeiten 2 Psychologen, 1 Sozialassistentin und 2 Pädagogen für das Projekt YoungHands. Diese kümmern sich vor allem um Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren – wie eben das Wort „Young“ schon vermuten lässt. Besonderes Hauptaugenmerk liegt auf das Thema Alkohol und die Internet/Gaming- Problematik. In letzter Zeit tritt vermehrt der Poli- Konsum (Konsum von verschiedenen Substanzen; aber auch Verhaltensweisen) auf, weswegen YoungHands vermehrt im Netzwerk mit anderen Diensten arbeitet. Besonders nach der Pandemie konnte man einen verstärkten Zuwachs an Hilfesuchenden bemerken. Am Öftesten melden sich dabei die Eltern selbst, aber natürlich wird YoungHands auch von den Sozialdiensten, der Fachambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder den Jugendgericht kontaktiert. Ebenso kümmert sich YoungHands um die Kinder bzw. Verwandten von Suchtpatienten."
(Ingrid Hartmann ist nun schon seit 24 Jahren bei HANDS. Sie arbeitet in der Aufnahme bzw. im Sekretariat im Ambulatorium in Bozen. Sie ist "die gute Seele am Telefon". Sie nimmt nicht nur Telefonate von Klienten und anderen Hilfesuchenden entgegen, sondern sie bearbeitet auch bürokratische Tätigkeiten, wie beispielsweise Einweisungen nach Bad Bachgart uvm. Das Wichtigste bei ihrer Arbeit ist aber der Telefondienst, denn nach der Erstaufnahme leitet sie die anrufenden Personen an die zuständigen Ärzte oder Psychologen weiter.)
E wie Entzugserscheinungen
„Entzugserscheinungen treten ein, wenn eine Person über einen gewissen, kurzen Zeitraum keinen Alkohol mehr trinkt, aber schon in einer Phase ist, wo sich der Körper daran gewöhnt hat; also abhängig ist. Dasselbe gilt auch bei Medikamenten oder anderen Substanzen. Häufig treten die Entzugserscheinungen in der Nacht auf; unruhiger Schlaf, häufiges Aufwachen, Schweißausbrüche, Angstzustände bis hin zum Zittern uvm. Die ersten Tage eines Entzugs empfinden Klienten hierbei am Schwierigsten. Durch diese starken psychischen und körperlichen Signale, ist es sehr schwer ohne medizinische Hilfe vom Alkohol loszukommen. Dieser Zustand ist so schwer auszuhalten, dass die Person wieder Alkohol (oder eben andere Substanzen) zu sich nimmt.
In der Regel verschwinden diese Entzugserscheinungen bei Trinken von Alkohol bzw. bei Gabe von Medikamenten, die den Entzug lindern bzw. stark reduzieren. Es wird immer davon abgeraten einen „kalten Entzug“ zu machen, denn die Gefahr von epileptischen Anfällen ist hierbei erhöht. Wer entschlossen ist vom Alkohol loszukommen, den raten wir den Entzug immer unter ärztlicher Aufsicht zu machen.“
(Seit dem Jahr 2000 ist Eva Roner Psychologin und Psychotherapeutin im Ambulatorium Hands. Sie begleitet Menschen mit Alkoholproblemen und Medikamentenmissbrauch. Ebenso geht Eva Roner regelmäßig zu Häftlingen ins Gefängnis, die mit Alkoholproblemen zu leiden haben. Zudem führt sie einen Teil der Erst-Gespräche mit Menschen, die aufgrund erhöhter Promillewerte ihren Führerschein abgeben mussten.)
Z wie Zugehörigkeitsgefühl
Lintner: "Das Wort Zugehörigkeit ist im Grunde ein sehr großes Wort für uns alle. Jeder von uns möchte irgendwo dazugehören. Umso mehr gilt das für Personen die eine Alkohlabhängigkeit haben bzw. hatten. In den Gruppen die ich leite, fragen mich häufig die Personen, ob sie schon noch zu ihrer Gruppe und ihren Freundeskreis gehören, wenn sie jetzt nichts mehr trinken... Das Zugehörigkeitsgefühl wird häufig hinterfragt. So zum Beispiel passiert es oft, dass im Freundeskreis eine Runde bestellt wird und erst gar nicht nachgefragt wird, was jemand trinken möchte... dann steht vor einem das Bier und da rutscht man so in diese Situation hinein, dass man nicht mehr nein sagen kann. Man will ja nicht unhöflich sein. In den Gruppensitzungen, aber auch in den Einzelgesprächen ist das Thema Zugehörigkeitsgefühl ein immer wiederkehrendes Thema; unabhängig ob jemand erst seit kurzem abstinent ist oder schon seit mehreren Jahren. Der Mensch will irgendwo dazugehören - der Mensch ist kein Einzelgänger. Besonders schwierig ist es für die Menschen, die sich erst seit Kurzem entschlossen haben mit dem Trinken aufzuhören; zur alten Gruppe gehöre ich nun nicht mehr und eine neue Gruppe muss ich erst finden, wo ich mich wohl fühle. Es passiert auch, dass man eine Zeit lang alleine ist, das muss man dann aushalten. Wegen der (alten) Gruppe selbst werden aber wenige Menschen rückfällig. Es hängt natürlich auch von der Motivation ab - den meisten ist es klar, dass die "alten" Kollegen nicht förderlich für die eigene Abstinenz sind.
Der Gruppenzwang selbst, besonders in jungen Jahren, kann schon recht gefährlich sein, insbesondere wenn es einer Person über einen längeren Zeitraum nicht gut geht und sein Leben außerhalb der Arbeit nur die Bar ist; da kann man mit Gleichgesinnten zusammen seine Sorgen in Alkohol ertränken- und keinem fällt es auf. Wichtig ist es,dass man mehrere Gruppen bzw. Anker im Leben hat; Sport, Arbeit, Familie, Jahrgang, Hobbys..."
(Maria Lintner ist Psychologin und Psychotherapeutin im Ambulatorium HANDS. Sie hat in Innsbruck ihr Psychologiestudium absolviert und anschließend als Praktikantin bei HANDS begonnen. Im Jahr 2003 hat sie in der Therapiegemeinschaft HANDS als Psychologin angefangen zu arbeiten und hat zudem in Brixen die "kognitive Verhaltenstherapie" abgeschlossen. Nach 10 Jahren in der Therapiegemeinschaft wechselte sie in das Ambulatorium, wo sie bis heute arbeitet. Ihre Zeit in der Therapiegemeinschaft sieht sie als sehr hilfreich für die heutige Arbeit im Ambulatoirum an. Zudem leitet Maria Lintner eine Gruppe im Ambulatorium und begleitet die Selbsthilfegruppe.)